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Die Nichtmachbarkeit von Konstruktionen von vornherein erkennen und vermeiden (Raimund Probst)
Hört sich das komisch an? Na sicher. Was soll man mit Aussagen wie „einschichtige, diffusionsfähige Dispersions- farbe“, „trotz dessen sind Latexfarben diffusionsfähig“ (einer von vielen Herstellern über die Eigenschaften seiner Produkte) anfangen? Da fragt man sich, ob die Verfasser so genau wissen, wovon sie reden. Diffusionsfähig ist ein Adjektiv. Es bezeichnet also die Eigenschaft von etwas (oder von jemandem). Wenn also eine Farbe (ein Putz, ein Estrich, eine Folie, eine Membran …) oder auch ein Lebewesen diffusionsfähig wäre, wäre sie/er fähig zu diffundieren. Nach Onlineduden kommt das Wort diffundieren vom lateinischen diffundere = ausströmen, sich verbreiten. Als Synonyme werden ange- geben eindringen, einziehen, infiltrieren, übertreten. Wären bspw. Farben (gemeint sind Anstrichstoffe) tatsächlich diffusionsfähig, wären sie nicht zu gebrauchen. Man kann nur hoffen, daß die Farbe nicht in den Untergrund einzieht, ihn infiltriert oder in diesen übertritt! Die Farbe soll bleiben wo sie ist. Nur dann kann sie ihre zugedachten Funktionen erfüllen. Zu vermuten ist, daß was ganz anderes gemeint ist: Der Stoff soll eine Dampfdurchlässigkeit ermöglichen. Dabei kommen mehrere Stoffe in Frage, in erster Linie Wasser (H 2 O), aber auch Kohlendioxid (CO 2 ). Wenn man also korrekt formulierte müßte man sagen, diese Farbe (oder Putz, …) ist dampfdurchlässig und gegen welchen Stoff. Weiter ist die Richtung zu beachten, die gemeint ist. Wasserdampf soll eine Farbschicht immer möglichst viel durchdringen können in Richtung nach außen. Bei Kohlendioxid ist es genau umgekehrt. Hier soll ein Eindringen von außen durch die Farbe in den Untergrund verhindert oder wenigstens minimiert werden. Bei Stahlbeton beispielsweise, zur Verrin- gerung / Verhinderung des Korrosionsrisikos der Armierungsstähle. Denn in Verbindung mit Wasser ergeben sich saure Lösungen (Kohlensäure, H 2 CO 3 ), die die schützende Alkalität des Beton herabsetzt / neutralisiert. Frischer Beton hat einen ph-Wert um die 12-13, ist also hochalkalisch. Sinkt der ph-Wert von Stahlbeton ab (etwa unter 9,5), können die Armierungsstähle zu rosten beginnen. Zurück zur Diffusionsfähigkeit: Machen Sie mal in Ihrer Küche ein Experiment: Kochtopf mit Wasser zum Kochen bringen, trockenes Sieb darüber stülpen (gleichgültig ob aus Stahl oder aus Kunststoff, gleichgültig wie groß die Maschen sind) und nach wenigen Sekunden wieder abnehmen. Sie werden zunächst - augenscheinlich - feststellen, daß zum einen bereits Wasser- dampf durchs Sieb gegangen ist, andererseits sich flüssiges Wasser an der Innenseite niedergeschlagen hat (Kondensation des Wasserdampfes, Übertritt von der gasförmigen in die flüssige Phase). Und ein Sieb mit - bereits augenscheinlich - offenen „Luftlöchern“ wird wohl ganz sicher als „wasserdampfdurchlässig“, ja sogar als „offenporig“ durchgehen!? (Offenporig ist auch so ein Wort, das von den Werbestrategen der Industrie gerne benutzt wird, obwohl es falsche Erwartungen weckt - „die Wand kann atmen…“, ich sage immer, hoffentlich atmet die Wand nicht, denn dann stimmte was gröberes nicht). Wasserdampfdurchlässig / diffusionsoffen / offenporig sagt also technisch zunächst noch rein gar nichts aus! Es gibt definitiv keinen (Bau-)Stoff, der keine Dampfdurchlässigkeit ermöglichte! Es kommt, wie immer in der Physik, auf die Menge und die Zeitdauer an. Wirklich interessant wären daher nicht plumpe und falsche Wörter wie diffusionsfähig, sondern die Angabe der tat- sächlichen Dampfdurchlässigkeit eines Werkstoffs. Dazu würden einfache Angaben in Technischen Merkblättern genügen: In welchem Zeitraum kann wieviel des Dampfes welchen Stoffes den Werkstoff bei welcher Schichtdicke durchdringen? Leider sucht man aber nach solchen Angaben meist vergeblich. Bleiben Sie nicht diffusionsfähig und somit geschmeidig. (zurück)

Sind Sie diffusionsfähig?

(30.01.20)