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Die Nichtmachbarkeit von Konstruktionen von vornherein erkennen und vermeiden (Raimund Probst)
Die Schadenserfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, daß Wärmedämm- Verbundsysteme (WDVS) sicher keine einfachen oder gar fehlerfreien Bausysteme sind. Deren Fehlertoleranz kann man zudem getrost mit Null ansetzen. WDVS verzeihen keine Fehler. Weshalb in erster Linie die fehlerfreie Planung und (daraus resultierende) Ausführung eines WDVS eminent wichtig ist. Was aber passiert in der Realität? Selbst die einfachsten Wandkonstruktionen werden nicht bis zu Ende gedacht: Dem Fensterbauer gibt man nur die Dämmplattendicke vor, nicht aber die Dicke der Kleberschicht dahinter sowie die Dicke der Putzschale darauf. Damit ist dann in der Praxis schnell der im Plan angegebene Tropfkantenüberstand der Fensterbank zu gering, im fertigen Zustand des WDVS, auf den es ausschließlich ankommt. Oder die üblichen Ebenheitstoleranzen der Rohbauwandfläche werden nicht berücksichtigt, so daß es wieder zur Unterschreitung von Mindestüberständen oder schief sitzenden Fensterbänken (Überstände nicht seitengleich) kommt. Geeignete An- oder Abschlüsse zu Nachbargebäuden werden noch nicht mal geplant, sondern alleine dem Geschick, Können und Wollen des Handwerkers überlassen. Insbesondere im Sockel- und erdberührten Bereich sind zwar eine Vielzahl von Detaillösungen am Markt, die allerwenigsten funktionieren aber, auf Dauer, also mind. 25-30 Jahre. Selbst die simpelsten aber hochsensiblen Anschlüsse an Bordprofile (nur eine Dichtebene!) werden weder verstanden, geschweige denn korrekt ausgeführt. Da werden am Gerüst mit Handsägen verwinkelte Zuschnitte nach dem Meßprinzip „Auge mal Pi“ gemacht und anschließend wundert man sich, daß die Anschlüsse nicht schlagregendicht sind. Immer wieder frage ich Planer, Bauüberwacher und die Ausführenden nach simplen Dichtbandbezeichnungen. Die meisten können nicht auf Anhieb sagen, was sie bedeuten, viele hören überhaupt erstmals davon: Vorkomprimierte Fugendichtbänder, kurz Kompribänder, weisen immer 3 Angaben auf: 15/7-12 bedeutet bspw. das Band selbst ist 15 mm breit und schlagregendicht für Fugenbreiten von 7-12 mm, im eingebauten Zustand. Kompribänder gibt es mind. in etwa 35-40 verschiedenen Dimensionen und zu verschiedensten Einsatzzwecken. Sollte ein Planer solche simplen techn. Details nicht kennen müssen? Nein? Wer dann? Darf man das alles dem Ausführenden alleine überlassen? Na ja, eben, genau so wird‘s leider gemacht. Unter anderem deshalb auch die vielen, vielen Schäden bei WDVS. Weder Planer noch Bauüberwacher sehen sich in der Pflicht, solche Details zu kennen. Aber wie bitte schön, will ein Planer planen oder ein Überwacher überwachen, wenn er von den allermeisten Details noch nicht mal die Existenz kennt? Oder selbst aus dem EffEff angegeben kann, wie ein Detail korrekt auszuführen ist und warum? Gibt es am Bau etwas teureres als Bauschäden? Schadensfreiheit muß doch oberstes Ziel jeder Baumaßnahme sein! Deshalb hat es in Baukreisen mal eine Übereinkunft gegeben: Die Form folgt der Funktion, nicht umgekehrt. Wie gesagt, selbst das einfachste WDVS ist heutzutage bereits für die meisten Fachleute eine große Herausforderung. Ich kenne keines, das völlig fehlerfrei erstellt ist. Von „Einfachheit“ oder „Praxisbewährung“ der Systeme, wie die Baustoffindustrie glauben machen will, keine Spur. Wenn man sich die wichtigsten Grundlagen und Regelwerke ansieht, die die Planung und Verarbeitung von WDVS betreffen (AbZ - Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung, DIN 55699, DIN 18345, BFS-Merkblatt 21, Techn. Merkblätter) dann kann man von hunderten zu beachtender Details ausgehen, die alle für die fehlerfreie Produktion eines WDVS relevant sind! In erster Linie ist natürlich die AbZ zu nennen, da diese erhebliche bauordnungsrechtliche Wichtigkeit (öffentliches Baurecht!) hat. Im BFS- Merkblatt 21 heißt es: Wohl gemerkt, das betrifft bereits die „einfachen“ WDVS… Dem ganzen die „Krone“ setzt aber nun ein Trend auf, der die letzten Jahre zu beobachten ist. Es wird mit WDVS zusätzliche Fassadengestaltung betrieben! Da werden Profile angeklebt, die Stuck vortäuschen sollen. Es werden aus aufgeklebten zweiten Dämmplatten massive Gesimse mit Ausladungen von 25 cm und mehr gebaut. Ich kenne ein Objekt, bei dem diese Gesimse nicht nur horizontal gerade und umlaufend gebaut wurden, sondern gleich teils schräg nach oben auslaufend, um Gebäuderundungen gezogen wurden und gleichzeitig in ihrer Ausladungstiefe variieren. Oder es werden Aufdoppelungen aus rein gestalterischen Gründen um Stirnseiten von runden Betonkragplatten geführt. Oder es werden in 20 m Höhe Schrägflächen mit WDVS ausgeführt, die direkt in die vertikalen Flächen darunter übergehen, ohne Auffang- oder Ableitrinnen. Nach wenigen Jahren zeigen sich dort schon massive, unzählige, häßliche Ablaufspuren an Schrägen wie vertikalen Flächen. Auf weitergehende vorzeitige Schädigungen Anstrich/Putz/Dämmung kann man warten. Oder es werden bündige oder gar vorstehende Fenster geplant, anstatt sie mit möglichst tiefen Leibungen zu versehen. Bündige oder vorstehende Fenster sind von Übel, weil u.a. unnötige Spritzwasserflächen geschaffen wurden (oben quer). Oder es wurden die Fensterhöhen so groß gewählt, daß erforderliche (mineralische) Brandriegel (20 cm) zwischen den Fenstern (25 cm) gerade noch Platz findend, nun im Spritzwasserbereich liegen, wo sie nichts zu suchen haben. Auch vorstehende Fensterelemente, die in bereits fertiggestellten WDVS- Leibungen nachträglich eingebaut werden, gibt es bereits mehrfach. Wobei die Metalle so nah an den Leibungen sitzen, daß die Anschlüsse des WDVS an die Metallrahmen nicht mehr eingesehen oder kontrolliert und auch nicht mehr repariert werden können, von allfälligem Regenwasser aber laufend erreicht werden … Da hat man wieder einmal die Dinge nicht zu Ende gedacht! Oder horizontal ausgerichtete - teils sogar mit Kontergefälle - Gesimsabdeck- bleche werden gebaut. Und darauf die WDVS unmittelbar aufgesetzt, die Putzschale damit direkt in die wasserführende Ebene geführt. Bauschäden lassen dann schon mal - selbst vor der Abnahme - freundlich grüßen: An einem Büroobjekt mit über 4000 m² wurde bereits nach dem ersten Winter - und noch vor der Abnahme - durch solche, in mehreren Höhen das Gebäude umlaufenden Gesimsbleche die gesamte Dämmung abgerissen und erneuert! Weil die Putze auf diesen Gesimsblechen cm-hoch abplatzten, schon nach dem ersten Winter. Da verflüchtigt sich die Freude über eine „optisch ansprechende Fassadengestaltung“ schnell, bei allen Beteiligten… Man kann davon ausgehen, daß die Schadensanfälligkeit (zur sowieso schon vorhandenen Nullfehlertoleranz hinzukommend) um den Faktor 5 bis 10 steigt. Man kann jedem Bauherrn nur empfehlen, auf derartige gestalterische „Kinkerlitzchen“ und Showeffekte bei WDVS zu verzichten. Es gibt bestenfalls nur sehr wenige Planer und Ausführende, die das überhaupt fehlerfrei umsetzen können. Im Vergleich zu den aus der Praxis bereits sattsam bekannten Schwierigkeiten, selbst einfachste WDVS-Fassaden fehlerfrei zu planen, zu bauen, sollte man sich zunächst einmal darauf konzentrieren, diese Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen. Da wäre schon sehr viel gewonnen. Auch wenn der Zug der Zeit ist, mehr Geld verlangen zu können für optisch ansprechendere Gebäude / Fassaden. Man muß sich doch sehr überlegen, ob höhere Preise nicht um ein Vielfaches wieder ins Minus gezogen werden, wenn innerhalb der Gewährleistungszeit Beanstandungen oder gar konkrete Schäden kommen. Und dann Gutachter, Anwälte, Gerichte eingeschaltet werden (müssen)? Was hilft ein optisch „aufgebretzeltes“ Bauwerk dann noch, wer freut sich dann noch daran? Und man muß sich immer klar machen, daß WDVS-Fassadengestaltung auf viele Weisen möglich ist, nicht zuletzt mit unterschiedlichen Putzstrukturen und auch Farbe. Die weit weniger schadensträchtig sind. Es müssen ganz sicher nicht vorstehende Fenster, Gesimse, Rundungen, durchgehende Sockel (ohne konstruktive Trennung zur Regelfläche) oder Stuckimitationen sein. Praxisbewährung muß der Maßstab sein, an dem sich jede Baukonstruktion messen lassen muß! Und nicht gestalterische Traumtänze, die nur auf dem Papier begeistern… Hier kann nicht die Frage diskutiert werden, ob WDVS überhaupt Sinn machen. Dazu gibt es von berufenen Fachleuten zahlreiche und ganz grundsätzlich anders vertretene Auffassungen. Eine solche Diskussion würde hier zu weit führen. Bei meiner Tätigkeit setze ich immer voraus, daß diese Fragen bereits geklärt sind. Aber wenn man WDVS baut, dann doch bitte möglichst bauschadensfrei, oder?

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WDVS - Gestalten auf Teufel komm raus

(07.04.20)

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